Das Kloster Staffelsee
Im 8. Jahrhundert hielten dann Mönche Einzug auf der großen Staffelseeinsel: Die erste Kirche wurde abgetragen und an ihrer Stelle das Kloster Staffelsee sowie eine neue Kirche errichtet. Von diesem Kloster wurden bei archäologischen Ausgrabungen auf der Insel Mauerreste und sogar Teile eines Fußbodenpflasters gefunden. Auch durch päpstliche Briefe und andere Dokumente aus dem 8. Jahrhundert gilt die Existenz eines Bistums Neuburg/Staffelsee zu dieser Zeit als gesichert. Das Kloster im Staffelsee war hierbei zumindest zeitweise neben Neuburg an der Donau der Sitz des Bischofs Simpert. Das Bistum wurde jedoch bereits im ersten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts (800-810) mit dem Bistum Augsburg vereinigt.
Um 810 entstand das „Staffelsee-Urbar“, eine Art Inventarliste des Klosters, deren Fragment heute zu einem der wichtigsten Schriftstücke der Wirtschaftsgeschichte dieser Zeit gehört. Danach war das Kloster neben seinem großen Bibliotheksbestand reich an Textilien und Landgütern: So gehörten wohl auf dem Festland neben einer Mühle auch ca. 250 Hektar Ackerland zum Kloster Staffelsee. 42 abhängige bäuerliche Hof- und Wirtschaftseinheiten, so genannte „Huben“, gehörten ebenfalls zum Kloster. Diese mussten neben Arbeitskraft auch Naturalabgaben, Boten- und Soldatendienste leisten. Auch die Kirche des Klosters war für die damaligen Verhältnisse reich ausgestattet.
„Dat gafregin ich mit firahim firiuuizzo meista, dat ero ni uuas noh ufhimil,
noh paum noh preg ni uuas, ni […] nohheinig noh sunna ni scein, noh mano ni liutha noh der mareo seo.“
„Das efragte ich unter den Menschen als des Wissens Größtes: Daß die Erde nicht war noch der Himmel noch Baum noch Berg war, noch irgend etwas , noch die Sonne schien, noch der Mond leuchtete, noch das Meer war.“
Möglicherweise entstanden diese berühmten Zeilen in der Schreibstube des Klosters Staffelsee auf der Insel Wörth. Sie gehören zum so genannten „Wessobrunner Gebet“, das als eines der ältesten Denkmäler der deutschen Sprache gilt. Es entstand im Jahr 814 im Bereich des Bistums Augsburg, der genaue Ort der Erstellung ist jedoch bis heute nicht bekannt.
Dass das Kloster Staffelsee der Entstehungsort des berühmten „Wessobrunner Gebets“ war, ist nach wie vor nur eine – allerdings bisher unwiderlegte – Hypothese. Grundlage für die wissenschaftlichen Untersuchungen war der Vergleich verschiedener Schreibstile, die in den einzelnen Schreibstuben der Klöster gepflegt wurden. Während der Schreibmönch im Kloster Wessobrunn einen eher „merowingische kursiven“ Stil benutzte, ist das Wessobrunner Gebet in der moderneren „karolingischen Minuskel“ verfasst – ein Indiz dafür, dass es tatsächlich im Kloster Staffelsee entstand.
Ebenfalls keine gesicherten Erkenntnisse gibt es über das Ende des Klosters Staffelsee. Nach örtlichen Legenden wurde das Kloster vom Hunnenköig Attila ca. 950 n. Chr. zerstört. Diese Version der Geschichte darf jedoch angezweifelt werden, da Attila ca. 500 Jahre zuvor gelebt hatte. Eine andere Legende besagt, dass das Kloster Staffelsee von den einfallenden Ungarn zerstört wurde, so wie es auch die Nachbarklöster in Schlehdorf, Schäftlarn, Benediktbeuren und Tegernsee getroffen hatte:
„Schrecklicheres kann man nicht lesen, als die Schilderungen, welche die bayerischen Jahrbücher von den Einfällen der Ungarn, welche im Jahre 907 und 909 am grausamsten waren, machen. Die ganze Menschlichkeit entsetzet sich darüber. […] Kein Haus, keine Hütte wurde ungestöret oder unabgebrannt gelassen, und die Erbitterung war ganz besonders über Klöster, Kirchen und Altäre. […] Über diesen allgemeinen Sturz des Vaterlandes fielen auch die uralte[n], herrliche[n] Gebäude des Staffelsees hin. Denn obschon diese Barbaren die Belagerungszunft gar nicht verstanden, waren sie doch geschickt genug, die nur durch das Wasser des Staffelsees geschützte[n] Inseln zu bezwingen.“
Doch auch ein Angriff der Ungarn auf das Kloster Staffelsee wird von Historikern bezweifelt. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden keinerlei Anzeichen einer gewaltsamen Zerstörung (der Nachweis erfolgt hierbei über eine Brandschuttschicht) gefunden. Zudem ist bekannt, dass die Ungarn auch andere Inselklöster (z.B. Reichenau oder Chiemsee) verschonten. Ihre Lage gewährte Ihnen Schutz und stand zudem der von Ungarn bevorzugten Taktik des schnellen Zugriffs wirksam im Wege.
Die Ungarn waren in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts übrigens nicht die einzigen Plünderer: Zahlreiche Adelsfamilien bekriegten sich im Land und verwüsteten so ganze Landstriche. Und auch Herzog Arnulf von Bayern (Herzog von 907 bis 937), den die kirchliche Geschichtsschreibung später mit dem Cognomen „der Böse“ belegt hat, scheute nicht davor zurück, zur Finanzierung seiner militärischen Abenteuer reichlich Kirchengüter zu konfiszieren.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde jedoch das Kloster Staffelsee – wie auch andere bayerische Klöster zu dieser Zeit – aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Die Gebäude wurden aber zunächst nicht dem Verfall überlassen. Vielmehr scheint die Insel Wörth um ca. 960 über einige Jahrzehnte als regelrechte Sommerresidenz der Augsburger Bischöfe gedient zu haben; mehrere Besuche von Bischof Ulrich von Augsburg auf der Insel sind überliefert.
Und noch im Jahr 1000 logierte Kaiser Otto III. auf seiner Rückreise von Italien auf der Insel. Dort fertigte er eine Urkunde für den Bischoff von Magdeburg aus, die in der Datierungszeile den Ort „Staffelsee“ als Ausstellungsort trägt. Ein Kaiser hätte bestimmt nicht in irgendeiner Bruchbude Quartier genommen.
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